Was haben die Grossräte Pauline Pauli (FDP) und Osama Paredhi (SP) gemeinsam?
Sie und ihre beiden Parteien haben sich im Grossen Rat für ein Französisch-Aus in der Primarschule stark gemacht. Dieser Entscheid, der am 22. September gefallen ist (der Vorstoss war vom Kanton Bern nicht empfohlen worden), wird grosse Auswirkungen auf die Sprachkompetenzen der Berner Kinder und auf die Zusammenarbeit mit den Nachbarkantonen haben. (BIELER TAGBLATT vom 23. September 2023)
Nachhilfekräfte verdeutlichen die beelendenden Kenntnisse der Bernerschüler*innen im Fach Französisch. Aber was «Fachleute» wie diese zur Pädagogik und zum Lernen unserer Kinder zu sagen haben, wird von den Damen geflissentlich ignoriert.
Wie? Kindern bereits nach einer oder zwei Jahren eine Fremdsprache aufzwingen, die keine funktionalen Zugänge haben?
Eine Primarschülerin, also eine Grundschülerin, hat kaum eine Vorstellung vom Aufbau einer fremden Welt. Eine Entwicklungspsychologin, Käthe Sipser, hat das – bereits 1945 – sehr bewusst zusammengefasst, indem sie ihren kleinen Kindern schwierige Themen nahebringen wollte, indem sie ihnen Geschichten über die «Geister von Bahano» erzählte. Die fiktiven Geister erfüllten «nur» eine Funktion: das Weiterlesen erst möglich zu machen. Eine Fremdsprache kann zu einer fiktiven Geisterfigur werden.
Die Primarschule besteht zur Hälfte aus Fiktion und zur Hälfte aus der Arbeit an der Grundfunktionalität: Lesen, Schreiben, Zählen.
Ignoriert werden grundlegende pädagogische Prinzipien und die wesentlichen Gründe für das Scheitern des Frühfranzösisch bereits ab 3. Klasse.
Vor allem aber ging es Frau Pauli nie um Pädagogik! In einem persönlichen Schreiben an alle Mitglieder, das aber mit 3 Wochen Verspätung bei den Parlamentarier*innen landete, wird klarer, was hier gespielt wird. Man verpackt die Abschaffung des Frühfranzösisch in die Verlagerung in die Oberstufe. Was nicht ankommt bei Kindern, die keinen Zugang haben, wird auch in der Sek nicht besser.
Und dann kann, dass man in den Passepartout-Kantonen aufteilen, den Französisch als erste Fremdsprache unterrichte wird, die deutsche Schweiz, wie dies Frau Pauli zugibt, sie wird dies erneut.
Die Hälfte der Schülerinnen sind Schweizer Kinder mit sprachlichen Defiziten – nicht auffällig, da sie auf unterschiedlichen Sprachniveaus sind. Effektiv, damit die Französischkompetenzen, die von den Kindern erwartet werden, steigen sollen und ihre Aussichten verbessern (sagt sogar das Amt für Beobachtung der Sprachen), könnte das Frühfranzösisch den Kindern nicht schaden, sondern sie hätten gleiche Startbedingungen und würden nicht benachteiligt.
Es gab also schon einmal das Französisch, aber nicht, wie es Frau Pauli insinuierte.
Und da genau, an‘s ist es, wo die Verabschiedung des Französischunterrichts auf die 5. Klasse führt, wird der Kanton Bern sich in ein Dilemma begeben. Ein Dilemma, das er nicht so leicht lösen wird.
Man hat einen Festungsgraben gezogen!
Wer sagt jetzt, dass Kinder im französischsprachigen Kanton ihre Sprache nicht auf die gleiche Weise lernen?
Grundsätzlich würde das auch stimmen – wenn die Lehrer nicht völlig andere Vorstellungen vom Unterricht hätten. Die Realität sieht anders aus: Das Französisch, das in Bern unterrichtet wird, ist ein theoretisches Fach, das die Kinder nicht im Alltag hören. Aber wer glaubt denn ernsthaft, dass ein Französischer Unterricht in Bern mit der Lebenswelt eines 10-Jährigen übereinstimmt?
Wer das Französisch als Fach auch noch als zusätzliche Belastung ansieht oder ein französisches Grundverständnis entwickeln möchte, der wird enttäuscht.
Die Brücke ins Andere, ins Fremde ist die Didaktik, der PH-Dozent*innen, die Bücher, die Journalisten, die sich für das Französisch einsetzen. Das pädagogische Fach, das uns helfen kann, die anderen Sprachen besser zu verstehen. Man sieht hier, in der Concorde-Halle der Sekundarschule, die Diskrepanz zwischen dem, was wir als Gesellschaft wollen, und dem, was uns real möglich ist.
Beim Projekt «Arabisch» ist es ähnlich.
Zwischen Millionen Kindern, arabischer Herkunft, werden zahlreiche Lehrkräfte eingestellt, die keinerlei Unterrichtserfahrung haben – in einem wüstengrossen Fach: einem soziokulturellen Kontext.
Sogar die arabische Herkunft trägt nicht dazu bei, dass die Wissenslücke der Lehrkräfte und ihre geringe Ausbildung nicht ausgeglichen werden können.
Aber es wird jetzt einfach mal geprüft – was soll’s? Ein Jahr testen, wenn es nicht funktioniert, aufgeben?
Weil bei den nationalen Vergleichstests festgestellt wurde, dass der Anteil der Kinder mit arabischem Hintergrund nicht schlechter war als in der Schweiz.
Weil man den Französischunterricht nach 5 Jahren nicht beginnen, sondern schon am Ende der Schulzeit beginnen sollte.